a London street in Hackney with a bike and a tree in afternoon light

Text und Fotografie: Nadine Wilmanns

Warum Ruhe uns zu besseren Fotografen (und Kreativen) macht

 „Bist du müde? Verausgabt? Erschöpft von Religion? Dann komm zu mir! Komm mit mir und du wirst wieder lebendig werden. Ich zeige dir, was echte Ruhe ist. Geh mit mir, arbeite mit mir – schau, wie ich es mache. Lerne den Rhythmus der Gnade kennen, der ohne Zwang ist. Ich werde dir nichts Schweres oder Unpassendes aufhalsen. Bleib bei mir, und du wirst lernen, frei und leicht zu leben.“

(Matthäus 11:28-30 The Message Bible)

Je mehr ich durch meinen Alltag hetze – Redaktion, E-Mails, Inhalte, Besprechungen, Verwaltungsaufgaben –, desto weniger nehme ich tatsächlich wahr. Und das ist ein Problem, denn meine Arbeit hängt davon ab, dass ich sehe.

Die Herausforderung besteht darin, dass mir das Ausruhen nicht leichtfällt. Wenn man liebt, was man tut, gibt es immer noch etwas, woran man arbeiten könnte. Und mit Handys und Laptops ist die Arbeit nie wirklich weit weg.

Ich habe mir gerade ein sehr gutes Audiobuch von John Mark Comer angehört: „Garden City: Arbeit, Ruhe und die Kunst, Mensch zu sein“. Er beschreibt darin die Kunst des Sabbats und wie man ein Umfeld schafft, in dem man das Leben, die Welt und Gott genießen kann. Ich würde diesen lebensspendenden Rhythmus einer ausgewogenen Woche, mit dem ich den größten Teil meines Lebens als Selbstständiger zu kämpfen hatte, endlich gerne meistern.

Wir sind endlich so langsam auf der Zielgeraden in Richtung warme und helle Jahreszeit. Letzte Woche bin ich nach Hause geradelt, vorbei am Borough Market in East London, und habe dabei nach und nach meine Kleidungsschichten ausgezogen, bis ich nur noch im T-Shirt unterwegs war – mit warmem Wind im Gesicht, Sonne auf der Haut und dem Duft von blühenden pinken und weißen Bäumen in der Luft. Wie sehr ich das vermisst habe. Und klar – als Fotografin 24/7 hatte ich meine Kamera natürlich dabei. Ich glaube, ich habe an dem Tag bestimmt zehn Fotos von meinem eigenen Arm gemacht - ärmellos – so wie ich das oft mit Dingen mache, die mich einfach glücklich machen.

Alltägliche Glücklichmacher

Das ist wahrscheinlich eine etwas seltsame Angewohnheit, aber ich glaube auch ein bisschen typisch für Fotografen. Glücklichmacher zu fotografieren macht mich einfach noch glücklicher.

Recently, I was sitting in a coffee shop in Covent Garden in the City waiting for a meeting, and the light on the table was so beautiful that I ended up taking easily 30 photos of my chai latte in that sun spot. People probably wondered what I was doing, but I cannot care about that, because moments like that matter to me.

Sommer sind gezählt

Zurück zum eigentlichen Thema: Der warme Teil des Jahres kommt schneller, als man denkt – sogar in London. Und mir ist in letzter Zeit mal wieder bewusst geworden, dass meine „wärmeren Halbjahre“ nicht unbegrenzt sind. Ich bin nicht mehr 20 und habe nicht einfach mal noch 30 unbeschwerte Sommer vor mir. Also will ich sie wirklich bewusst erleben und die Jahreszeiten feiern.

Dieses Frühjahr möchte ich versuchen, den Alltag wirklich mehr wahrzunehmen, statt einfach nur durchzurennen – mit einer endlosen Liste an Aufgaben: Fotos und Videos bearbeiten, Content veröffentlichen, Shootings organisieren, Meetings planen und wieder umplanen, Netzwerken, Buchhaltung machen… Nichts davon ist für mich wirklich anstrengend, ich mach das alles gern (außer vielleicht die Buchhaltung), aber alles ist eben nur in Maßen wirklich gut. Balance ist hier einfach das entscheidende Wort.

Sabbat einführen

Am meisten wünsche ich mir gerade, mehr auf Gott zu vertrauen – darauf, dass er Dinge gut fügt, mich mit den richtigen Menschen zusammenbringt und einfach gut versorgt. In meiner Selbständigkeit ist es mir schon immer schwergefallen, einen „Sabbat einzuhalten“ beziehungsweise am Sonntag nichts zu arbeiten. Und auch wenn ich mir immer vornehme, an einem Tag pro Woche wirklich nichts Arbeitsbezogenes zu tun, passiert es trotzdem oft, dass ich irgendwann doch wieder bei Arbeit lande. Und wenn nicht Arbeit, dann eben bei „sinnvollen“ Dingen wie Putzen oder To-do-Listen aufholen.

Warum Ruhe so schwer fällt

Ich kann sehr gut nachvollziehen, was Autor John Mark Comer in seinem Buch "Garden City: Work, Rest, and the Art of being Human" beschreibt: Er sagt, bevor er von der Kunst des Sabbats gewusst hatte, war sein freier Tag der unschönste der ganzen Woche:

„Ich habe später verstanden, dass einer der Gründe, warum ich meinen freien Tag nicht mochte, darin lag, dass ich süchtig nach Produktivität war. Dieses Gefühl von Leistung und Mehr. Es gibt nichts Vergleichbares wie das Gefühl, Dinge zu erledigen.“  

Produktivitätskultur

An seinem freien Tag habe er regelrecht Entzugserscheinungen gehabt. Egal wie viel er die Woche über gearbeitet hatte – an seinem freien Tag habe er sich faul gefühlt und hatte dadurch ein schlechtes Gewissen. Und die Versuchung, Mails zu checken, kurz ins Büro zu gehen oder noch schnell etwas vorzubereiten, sei einfach riesig gewesen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich das nachvollziehen kann. Das passiert wohl, wenn man seinen Job liebt, aber selbst wenn man etwas liebt, kann es einem irgendwann zu viel werden.

Wenig Fokus

Handy, Laptop und Homeoffice machen das Ganze natürlich nicht einfacher – Arbeit ist ständig nur einen Klick entfernt. John Mark Comer schreibt: „Diese sogenannten arbeitserleichternden Technologien haben die Zeit, die wir mit Arbeiten verbringen, in Wirklichkeit massiv erhöht. Früher musste man ins Büro gehen. Heute reicht es, nach dem Handy neben dem Bett zu greifen.“

Gefahr von kreativem Burnout

Als Fotografin und Videografin arbeite ich definitiv mehr Stunden als eigentlich nötig, einfach weil ich oft nicht wirklich fokussiert bin. Ich ziehe Aufgaben über den ganzen Tag, weil mein Handy sowieso immer in Reichweite ist und der Laptop bis kurz vor dem Schlafengehen läuft – statt in klaren, fokussierten Zeitblöcken zu arbeiten.

Was zu Feiern

Was mir an der Idee, einen Sabbat-Rhythmus einzuführen, besonders gefällt, ist, dass es nicht darum geht, untätig herumzusitzen.

Hier sind ein paar Zitate aus dem Buch wie ein Sabatt ursprünglich gedacht ist: „Im Ursprung bedeutet „Shabbat“ im Hebräischen so viel wie „aufhören“, „ruhen“ oder „vollenden“ – aber eben auch „feiern“. Juden praktizieren die Kunst des Sabbats seit Jahrtausenden. Wir können viel von ihnen lernen."

Kreative Erholung

Ein lebensspendender Ruhetag beinhalte Ruhe, aber eine ganz bestimmte Art von Ruhe, die in der jüdischen Tradition als „Manua“ bezeichnet werde, schreibt John Mark Comer. „Es ist eine Ruhe, die zugleich ein Fest ist. Sie wird oft als Glück übersetzt. Und für die Juden ist Manua etwas, das man selbst schafft. Es geht nicht nur darum, dass man aufhört zu arbeiten und sich einmal pro Woche einen Tag lang auf die Couch setzt. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der man das eigene Leben, die Welt und Gott wirklich genießen kann – eher ein Lebensmodus als ein festes 24-Stunden-Zeitfenster."

Für mich das Allerwichtigste: Ruhe, die guttut, sieht für jeden anders aus. Rumsitzen und nichts tun, ist für mich zum Beispiel überhaupt nicht entspannend, sondern höchst anstrengend.

Freude und Fülle

Ruhe sei nicht das Gegenteil von Arbeit, schreibt John Mark Corner, sondern beide ergänzen sich. Beide gehören zusammen. Ein Sabbat bedeutet also nicht einfach nur, dass Arbeit wegfällt. Es ist kein Vakuum, keine Leere, kein Nichtstun. Es ist "ein Tag, an dem man sich freut über 'das Werk der eigenen Hände', über das Leben, das man gemeinsam mit Gott gestaltet hat, und über die Welt selbst“, schreibt John Mark Comer. Ein solcher Tag ist nicht anstrengend (wie es in der Regel der Fall ist, wenn man „einfach nicht arbeiten darf“). Vielmehr bedeutet ein solcher Tag Ausgeglichenheit und neue Energie. „Ruhe füllt uns neu mit Energie, Kreativität, Vision, Stärke, Optimismus, Klarheit und Hoffnung.“

Work-Life Balance für Kreative

Ein typischer Arbeitstag als Fotografin und Videografin – wie für die meisten Kreativen – ist mit viel Zeit vor dem Bildschirm verbunden. Und das ist ein riesiger Zeitfresser und Stressfaktor. Aus meinem Alltag weiß ich nur zu gut, wie sehr ich es brauche, mir zwischendurch bewusst Zeit zu nehmen, mich „ins echte Leben“ zurückzuholen und mich zum Beispiel auf einen Sinn zu konzentireren. Mein dominanter Sinn ist normalerweise das Sehen, aber ich lenke meinen Fokus auch gerne zur Abwechslung auf den Tastsinn oder den Geruchssinn.

Wirklich sehen

Das hilft mir gleichzeitig bei meiner kreativen Arbeit. Wenn ich mich beeile, nehme ich die Dinge nicht mehr richtig wahr. Die Momente verlieren an Tiefe und Bedeutung.
Wenn ich langsamer mache, sehe ich nicht nur mehr – ich sehe auch anders und kreativer. Und Licht und seine Qualität richtig wahrzunehmen und das Gefühl dazu, sind für mich riesen Glücklichmacher.

Davon profitiere ich nicht nur persönlich – es kommt auch meiner Fotografie und Videografie zugute. Aus Erfahrung weiß ich: Wenn ich nicht unter Zeitdruck stehe und gut ausgeruht bin, nehme ich das Licht während eines Shootings besser wahr und kann mit meiner Aufmerksamkeit viel mehr bei meinen Kunden bleiben. Ich treffe bewusstere kreative Entscheidungen – mein kreatives Denken scheint einfach viel besser zu funktionieren.

Ein Rhythmus, den es sich zu üben lohnt

Besonders gut gefällt mir, wie John Mark Comer beschreibt, wie er sich auf seinen Sabbat vorbereitet – und das kann natürlich jeder beliebige Tag der Woche sein, solange dies in einem wöchentlichen Rhythmus geschieht:

„Der Tag davor ist (…) der Tag der Vorbereitung: Wir kaufen ein, planen, putzen, erledigen noch das Nötigste – als würden wir uns auf einen Festtag vorbereiten. Es ist, als wäre einmal pro Woche Weihnachten. Die letzten Stunden am Freitagnachmittag sind immer etwas stressig, aber sie sind auch von großer Vorfreude geprägt. Kurz bevor der Sabbat beginnt, gehe ich mein Sabbat-Vorbereitungsritual durch: Ich gehe in mein Home Office, räume meinen Schreibtisch auf, lege meine To-do-Liste beiseite, fahre meinen Computer herunter, schalte mein Handy aus und lege alles in den Schrank. (…)“

Klare Routine

Ich mag, dass er sich Zeit für Übergänge nimmt und bewusst darauf hinarbeitet, den Tag zu genießen. Auch wenn er sagt, dass der Tag vor seinem Sabbat immer etwas stressig ist, klingt das für mich dennoch seltsam entspannt. Ich finde, dass diese klaren Routinen, Abläufe und Grundsätze das Leben sehr beruhigen. Das erfordert für mich auf jeden Fall etwas Übung: an einem Samstagnachmittag bewusst meinen Schreibtisch aufzuräumen, meinen Laptop herunterzufahren, mit der Absicht, ihn erst am Montagmorgen wieder zu öffnen – so, als würde ich das Büro für das Wochenende verlassen.

Alte Weisheiten heute

Und wieder einmal bin ich beeindruckt von der großen Weisheit dieser jahrtausendealten Schriften, die uns so viel darüber verraten, wie wir als Menschen am besten funktionieren, wie wir geschaffen sind und wie wir eigentlich sein sollten. Es geht dabei nicht um Religion, sondern um eine Lebensweise im Einklang mit Gott und dem, wie wir eigentlich sein sollen.

Ruhe und Kreativität

In diesem Frühjahr möchte ich mir angewöhnen, meinen Laptop am Samstagnachmittag zu schließen – nicht als strenge Regel, sondern als Vertrauensübung. Das bedeutet auch, bewusst loszulassen (immer wieder, denn das ist für mich noch keine eingespielte Gewohnheit): die Sorge, Chancen zu verpassen, ins Hintertreffen zu geraten, nicht mit anderen Schritt zu halten und meine eigenen Erwartungen nicht zu erfüllen. Dabei möchte ich mich selbst immer wieder daran erinnern, dass bessere Erholung mich nicht von meiner Arbeit abhält – sondern mich mit klarerem Blick zu ihr zurückführt.


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