Self Portrait of Nadine wilmanns lifestyle photographer and videographer in London UK and Metzingen Germany - Business Fotografin und Videografin in Metzingen und London

Text und Fotografie: Nadine Wilmanns

Integrität

Welche Art von Welt wollen wir bauen?

Auf LinkedIn war ein Post eines Tabakkonzerns, in dem es darum ging, wie das Unternehmen verhindert, dass Jugendliche Zugang zu Zigaretten bekommen.

Fast hätte ich etwas kommentiert wie: Warum verlasst ihr diese Branche nicht einfach komplett? Das würde den Schaden tatsächlich an der Wurzel packen.

Und das sage ich als jemand, der jahrelang gerne geraucht hat und auch heute noch gelegentlich raucht. Aber wie viel besser wäre es, wenn es ein Produkt wie die Zigarette um uns herum einfach mal gar nicht gäbe! Manche Menschen geraten durch ihre Sucht in richtig schlimmes Elend.

Ein Geschäft mit Verantwortung

Letztendlich habe ich mich vom Kommentieren abgehalten — nicht, weil ich dem Post zustimmte, sondern weil ich weiß, dass jeder Kommentar den Beitrag auf LinkedIn nur noch weiter pusht. Es würde ihm nur helfen, sich zu verbreiten, anstatt ihn zu hinterfragen.

Dennoch bleibt für mich Frage: Wie gehen wir mit Marketing um, das etwas von Grund auf Schädliches nimmt, es ins Positive pusht und sogar verantwortungsvoll aussehen lässt?

Das hat mich am meisten geärgert. Nicht nur das Produkt selbst, sondern wie dieses Businsess hier vermarket wird. Wie kann etwas, das offensichtlich das Leben von Menschen ruiniert, so dargestellt werden, dass es sich akzeptabel und ethisch anfühlt?

Das fühlt sich für mich einfach nicht richtig an.

Komfort vs Integrität

Ich trage diese Fragen eigentlich schon eine ganze Weile mit mir herum. Vor ein paar Monaten habe ich sogar einen Blogpost zu genau diesem Thema geschrieben, war dann aber zögerlich und habe ihn in meinem Entwurfsordner liegen lassen.

Anfang des Jahres haben wir in der Kirche einen Text über eine Zeit gelesen, in der Grausamkeit die Norm war. Eine Zeit, in der die Starken oder Reichen sich einfach nahmen, was sie wollten, und in der selbst ein Priester, der eigentlich für Gerechtigkeit einstehen hätte sollen, hat das einfach nicht getan. Sein eigener Komfort und die Meinung anderer Leute war ihm wichtiger als seine Integrität. Das zu lesen, war fast unerträglich.

Diejenigen, die hätten sprechen sollen, haben geschwiegen, weil es einfacher war.

Der Einfluss von Storytelling

Nur wenige Tage später sah ich zufällig ein paar Sekunden eines Videos, das ich mir gewünscht hätte, nie gesehen zu haben: Zwei Menschen waren schockierend grausam zu einem Hund - vermutlich in einem Labor. Ich habe mein Handy sofort weggelegt, aber diese wenigen Sekunden haben sich mir bis heute eingebrannt.

Nach und nach begannen sich diese und andere Beobachtungen in meinem Kopf zusammenzufügen.

Ich bin Fotografin und Videografin. Das bedeutet, ich helfe Unternehmen, ihre Expertise und ihre Stärken durch visuelles Storytelling zu präsentieren.

Storytelling ist nicht neutral: Es formt Wahrnehmung. Es baut Vertrauen auf. Es beeinflusst, wie Menschen eine Marke sehen, und es bestimmt mit, was als begehrenswert empfunden wird. Marketing, und insbesondere Fotografie und Videografie, sind mächtige Instrumente, die direkt zum Erfolg einer Marke beitragen.

Das ist echter Einfluss.

Verantwortung

Es gibt also eine reale Verantwortung für uns visuelle Geschichtenerzähler, die richtigen Geschichten der richtigen Unternehmen zu erzählen.

Ein weiterer Moment während eines Gesprächs: Jemand wurde gefragt: „Hast du jemals einen Auftrag abgelehnt, weil du nicht mit dem Kunden arbeiten wolltest?“ Die gefragte Person sagte so etwas wie: „Na ja, das kann ich mir eigentlich nicht leisten.“ Und obwohl ich nicht glaube, dass diese Person jemals einen Auftrag annehmen würde, der aktiv Grausamkeit und Schaden unterstützt, verstehe ich, wie groß die Versuchung ist, ein Auge zuzudrücken, wenn die moralischen Missstände nicht direkt offensichtlich sind. Natürlich hat mich das sofort dazu gebracht, über meine eigene Antwort nachzudenken.

Ich habe in der Vergangenheit schon Aufträge abgelehnt, wenn sich etwas nicht richtig angefühlt hat. Nicht oft, aber es ist schon mal vorgekommen.

Wenn ich jedoch ehrlich bin, gab es auch Jobs, bei denen ich nicht genug Fragen gestellt habe. Ich habe nicht tief genug in die Lieferketten geschaut, auf die langfristigen Auswirkungen oder darauf, wozu ein Unternehmen eigentlich beiträgt, wenn man genauer hinschaut.

Es ist natürlich viel einfacher, nicht so genau hinzusehen, wenn der Schaden erstmal nicht offensichtlich ist.

Bequemlichkeits-Ausreden

Und selbst wenn ich Aufträge abgelehnt habe, war ich dabei nicht immer direkt.

Meistens habe ich gesagt, dass ich „aktuell leider keine Kapazitäten habe“. Das war einfacher als zu sagen: „Das passt nicht zu den Werten, die ich unterstützen möchte.“

Da es sich um kleinere Anfragen handelte, tat das Absagen nicht wirklich weh. Aber was ist, wenn die Versuchung eines riesigen, lukrativen Auftrags um die Ecke kommt — für eine Sache, hinter der ich eigentlich nicht stehe? Werde ich dann immer noch die Integrität besitzen, Nein zu sagen? Ich hoffe es, und vor allem möchte ich die Art von Mensch sein, die genau das tut.

Entscheidungen, wenn niemand zusieht

Steven Bartlett schreibt in The Diary of a CEO, dass die kleinen Entscheidungen, die wir treffen, wenn niemand zusieht, maßgeblich bestimmen, wie wir uns selbst sehen.

Wenn ich immer wieder die schwierigen Dinge tue, beginne ich, mich selbst als fähig und stark wahrzunehmen. Wenn ich ihnen ausweiche, sehe ich mich irgendwann als jemand, der der Schwierigkeiten aus dem Weg geht.

In diesem Kontext bedeutet das: Wenn ich mich oft für den leichten Weg entscheide, anstatt für das einzustehen, was sich richtig anfühlt, formt das meinen Charakter entsprechend.

Ist es etwas, worüber Gott lächelt?

Eine weitere Idee dazu kommt von Autor John Mark Comer: In seinem Buch Garden Cityspricht er über Arbeit, die entweder Leben schenkt oder Leben nimmt.

Er schreibt: „...Ist es etwas, worüber Gott lächelt? Schließlich ist seine Meinung über deine Arbeit wichtiger als die aller anderen. (...) Manche Arbeit bringt Leben, Heilung, Hoffnung und Schönheit in die Welt, während andere Arten von Arbeit Gewalt, Diebstahl, Armut und Chaos stiften. Die einzige Arbeit, die eine Berufung von Gott sein kann, ist Arbeit, die mit Jesu Vision vom Reich Gottes übereinstimmt. (...) Hilft es der Menschheit? Wird es die Welt zu einem besseren Ort machen...?“

Letztendlich hat eben nicht nur das einen direkten Einfluss auf unsere Welt, was ich privat kaufe oder konsumiere. Sondern auch, für wen ich arbeite und wem ich meine Zeit, meine Fähigkeiten, mein Wissen und meine kreative Energie zur Verfügung stelle.

Neuer Fokus

Ich will damit niemandem vorschreiben, wie er oder sie zu handeln hat. Wir lernen alle ständig weiter, und ich weiß sehr genau, dass ich weit von Perfektion entfernt bin. Dieser Post ist vor allem eine Erinnerung an mich selbst, konsequenter nach meinen Werten zu handeln. Ich darf geschäftlichen Druck oder die Meinung anderer nicht über Integrität stellen.

Dabei möchte ich nicht nur darüber nachdenken, was ich vermeiden sollte. Ich möchte meinen Fokus darauf richten, wohin ich will.

Ich möchte meine Fähigkeiten nutzen, um Unternehmen zu unterstützen, die etwas Gutes in die Welt bringen — Unternehmen, die heilen, schützen, inspirieren oder dem Leben Schönheit und Wert hinzufügen.

Denn es geht nicht nur darum, was wir konsumieren. Es geht darum, in was wir unsere Zeit, unser Talent, unsere Kreativität und unsere Energie investieren.

Zielgruppe mit Intention

Nicht jeder Job muss gleich die ganze Welt verändern. Aber ich möchte mir darüber bewusst sein, wen und was ich mit meiner Arbeit sichtbar mache.

Ich weiß, dass die Realität selten schwarz-weiß ist. Lieferketten sind komplex. Informationen sind unvollständig. Manche Dinge erkennt man erst im Nachhinein.

Aber ich will mir weiterhin diese beiden Fragen stellen:

  • Trägt diese Arbeit zu etwas bei, das Leben schenkt?
  • Bringt diese Arbeit mehr Schönheit, Hoffnung und Liebe?

Das ist die Richtung, in die ich mich weiterbewegen möchte.

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